Wenn zum Groove der Ton kommt: Petra Eisend und die Handpan

Petra Eisend in ihrem Schweinfurter Studio Foto: Josef Lamber @ Mainpost

Wenn Außerirdische in einem Film der 50er Jahre zum Fliegende-Untertassen-Händler ihres Vertrauens gehen würden, dann würde dessen Verkaufsraum vielleicht aussehen wie das große Musikzimmer von Petra Eisend. Auf Ständern, Hockern, Halterungen schimmert hier dunkel und geheimnisvoll ein knappes Dutzend runder, gewölbter Metallobjekte, die direkt einer dieser Zukunftsvisionen der Vergangenheit entnommen sein könnten.

Es sind Musikinstrumente, sogenannte Handpans. Deren Urtyp, das Hang, wurde im Jahr 2000 von der Firma HANDArt in der Schweiz entwickelt. Inzwischen gibt es weltweit zig andere Anbieter von Instrumenten, die unter dem Oberbegriff Handpan laufen. Das Prinzip ist immer ähnlich: zwei miteinander verklebte Schalen aus Stahlblech, auf der oberen Schale befinden sich Beulen und Mulden, die für die einzelnen Töne stehen, unten findet sich meist ein Schallloch. Der Name Hang ist übrigens, trotz des exotischen Klangs, den die Dinger hervorbringen, nicht asiatischen Ursprungs. „Hang“ heißt im Berner Dialekt schlicht „handgemacht„.

Petra Eisend bietet Workshops für eine wachsende Handpan-Fangemeinde an.

Petra Eisend hat ihre Räume in einem Anbau der Alten Reichsvogtei in Schweinfurt. In der Alten Reichsvogtei residierten bis zur Eröffnung der Kunsthalle im ehemaligen Ernst-Sachs-Bad die Städtischen Sammlungen. In ein paar Wochen wird auch die freischaffende Musikerin hier rausmüssen, dann werden alle Anbauten abgerissen, um dem 13-Millionen-Projekt Kulturforum Platz zu machen, das Museen plus Stadtarchiv in sich vereinen wird. Bis dahin aber macht die 55-Jährige hier Musik, gibt Handpan Kurse & Unterricht und veranstaltet Workshops für Hang & Handpan mit einer schnell wachsenden Gemeinde von Handpan-Fans.

Ein Teil des Handpan-Arsenals Foto: Josef Lamber @ Mainpost

Petra Eisend ist von Haus aus Perkussionistin. Sie hat sich viele Jahre vor allem mit westafrikanischen und afrokubanischen Rhythmen befasst und mit der afrikanischen Trommel Djembé. Als sie dem neuen Instrument, das viele Menschen vor allem von Straßenmusikern in der Fußgängerzone kennen, zum ersten Mal begegnete, lästerte sie erstmal ab: „Ich dachte, das ist so ein Ding für die Eso-Szene.“ Tatsächlich sei das Hang ursprünglich eher als Klangobjekt für die spirituelle Weiterentwicklung gedacht gewesen und nicht als Musikinstrument.

Anfangs hat sie rumprobiert, ohne das Instrument richtig ernstzunehmen

Vor ein paar Jahren landete eine herrenlose Handpan in ihrem Instrumentenfundus. „Ich habe ein bisschen rumprobiert, das aber erst nicht wirklich ernst genommen“, erzählt sie. Doch dann erlag sie doch dem Charme des etwas behäbig wirkenden Instruments. Als Perkussionistin musste sie sich ganz neu mit dem Thema Harmonik befassen, fand aber schnell Spaß an Zwei- und Dreiklängen, an Mehrstimmigkeit und an den schier unbegrenzten Möglichkeiten, die Obertöne und damit den Klang zu beeinflussen. „Plötzlich konnte ich zwei Instrumente kombinieren.“ Inzwischen befasst sich Petra Eisend nahezu ausschließlich mit der Handpan, die Trommeln ruhen hinten im „Trommelzimmer“.

Der Anschlag will gelernt sein: Petra Eisend hat lange geübt, sich auf ihr neues Instrument einzustellen. Foto: Josef Lamber @ Mainpost

Wie Petra Eisend entdecken immer mehr Schlagzeuger, Perkussionisten, Jazzer und Weltmusiker die Handpan für sich, deren Klang sich meist zwischen Gong und Steel Drum bewegt. Jedes Objekt ist in einer Skala gestimmt (Dur, Moll, Pentatonisch, Mixolydisch), mit dem Grundton oben in der Mitte und sieben weiteren Tönen drumherum. Harmonisch kein allzu großes Spektrum also, doch lassen sich die Handpans erstaunlich vielseitig und sehr gut auch in der Band einsetzen.

Petra Eisend & Band – Neue CD „under water – above skies“

Petra Eisend demonstriert das auf ihrem neuen Album „under water – above skies„, für das sie Sibylle Fritz (Cello, Flöte), Tobias Götz (Handpans, Perkussion, Schlagzeug), Joe Krieg (Gitarre), Christoph Lewandowski (Flügelhorn), Tobias Pawlick (Gitarre, E-Bass) und Dirk Rumig (Bassklarinette) ins Studio gebeten hat. Es lebt einerseits von runden, harmonischen Zusammenklängen, andererseits verfügt Petra Eisend über einen Anschlag in quasi allen Geschwindigkeiten und Härtestufen, wodurch der „musikalische Gegenentwurf zu unruhigen Zeiten“ (so der Untertitel) eine ordentliche Portion mehr Groove mitbekommt, als man vielleicht von einem Handpan-Album erwarten würde.

Noch ist die Handpan-Szene in Deutschland überschaubar.

Zu Petra Eisends Handpan Workshops reisen Teilnehmer aus ganz Deutschland an, sie selbst ist bundesweit unterwegs, um Handpan Konzerte in Verbindung mit Workshops für Hang & Handpans zu geben. „Die Leute kommen wegen der schönen, meditativen Töne.“ Und sie erliegen dann unweigerlich einem unbezwingbaren Spieltrieb. „Das ist dann wie im Kindergarten, alle spielen drauf los und sind kaum zu bremsen.“ Da kann es dann schonmal passieren, dass die Lehrerin der Raum verlässt, bis sich alle erstmal ausgetobt haben. Bedenkt man, dass die (Übungs-)Handpans alle in unterschiedlichen Tonarten und Skalen gestimmt sind, möchte man sich die Kakophonie, die eine Gruppe mit bis zu zwölf begeisterten Anfängern fabriziert, lieber nicht vorstellen.

Dieses runde, feste „Dong“ ist Ergebnis vieler Übungsstunden

Tatsächlich ist es gar nicht so einfach, einer Handpan einen kontrollierten Ton zu entlocken. Dieses runde, feste, präzise „Dong“, das Petra Eisend mal eben vormacht, ist Ergebnis vieler Übungsstunden. „Ich musste auch erstmal für mich klären: Was ist ein guter Ton, was muss ich dafür tun?“ Jeder Anschlag hat drei Phasen: Hinweg, Aufschlag („attack“ genannt) und Rückzug. Es geht um Bewegungsenergie, eine gewisse Festigkeit in der Hand und um Timing. Und hier kommt dann doch wieder eine meditative Komponente ins Spiel: „Es geht um Tonerzeugung, nicht um Töneerzeugung.“

Das Resultat im Konzert ist dann für die Musikerin ebenso intensiv wie für die Zuhörer. Besonders in Kirchen spielt Petra Eisend immer öfter nicht einzelne Stücke jeweils mit Zwischenapplaus, sondern ganze Sets ohne Unterbrechung. „Man muss das erstmal aushalten: 90 Minuten monologisieren. Aber dann spürt man, was diese Klänge mit den Menschen machen.“

Quelle: Mainpost

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